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Biographie Reiner Luyken
Mein Lebenslauf: Ein typischer Journalist, hat nichts richtig und von allem etwas gelernt.
Humanistisches Abitur, Lehre als Cembalobauer, Gesellenzeit als Orgelbauer, Jobs als Zimmerer und Fernfahrer,
ein Jahr Griechenland. Ein zweiter Fluchtversuch aus Deutschland, diesmal nach Schottland, diesmal erfolgreich.
Sechs Jahre Lachsfischer, Hochzeit, die ersten Kinder. 1982 der erste Schreibversuch, veröffentlicht in der 'Zeit'.
1984 bis 1994 freier Journalist, seit 1994 als Auslandskorrespondent der 'Zeit' im weltweiten Einsatz.
Auszeichnungen
• 1984 Stipendiat der Michael Jürgen Leisler Stiftung
• 1985/1986 Reportagepreis der IG Metall
• 1990 Beste Wirtschaftsreportage (ausgeschrieben von den Raiffeisenbanken)
• 1995 Deutsch-Britischer Journalistenpreis (verliehen von Bundespräsidenten Roman Herzog und Prinz Philip, Herzog von Edingurgh)
• 1996 Theodor-Wolff-Preis
• 2005 Medienpreis der Johanna-Quandt-Stiftung
Artikel, erschienen in der "Zeit", Weihnachten 2006:
(von Reiner zugesandt)
Es klingt nach perfekter Planung. Wir heirateten an einem 2.Feburar. Neun Monate und neun Tage später kam unsere erste
Tochter zur Welt. Wir nannten sie Sian und mit Zweitnamen Saturn. Es war 1980, wenige Stunden nach ihrer Geburt erreichte
zum ersten Mal eine Raumsonde den Planeten. Der erste Sohn folgte drei Jahre später, wir nannten ihn Lewis nach der
Hebrideninsel, die wir von unserem Haus aus sehen können. Der zweite Sohn, Jörg, kam zwei Jahre danach auf die Welt.
Annabel, die Nummer Vier, wurde drei Jahre nach Jörg geboren. In acht Jahren hatten wir eine Familie zusammengebaut,
für die man, erzählt man Arabern oder Afghanen davon, wohlwollende Zustimmung erntet. Zwei Jungen und zwei Mädchen -
in ihren Augen ist das ein Geschenk Allahs.
In Europa gehört man damit eher zum sozialen Rand. Vier Kinder? Wer kann sich das denn leisten? Entweder die ganz unten,
die füttern ihre Blagen mit Sozialhilfe durch, oder die ganz oben, für die spielt es keine Rolle, wie viel die kosten.
Wir gehören nicht zum sozialen Rand, weder oben noch unten. Aber wir leben am geografischen Rand Europas, auf einer
abgelegenen Halbinsel im hohen Norden Schottlands. Vier Kinder sind hier fast die Norm. Die MacLennans haben vier Töchter.
Bei den MacLeods kam gerade das sechste Kind zur Welt. Keine dieser Familien ist arm, keine ist reich. Kenny MacLennan hat
600 Schafe und jagt Hirsche. Michael MacLeod ist ein findiger Fischer.
So beschaulich und wohlüberlegt, wie das klingt, war die Wirklichkeit allerdings nicht. Unsere Familie ist alles andere
als geplant. Sian verdankt ihr Leben dem Umstand, dass ihre Mutter vergaß, die Pille auf die Hochzeitsreise mit zu nehmen.
Lewis ergab sich aus der Einsicht, dass den frühen Einzelkindallüren der Ältesten am ehesten mit einem Geschwisterchen
Einhalt geboten werden kann. Der nächste Sohn mogelte sich in unser Leben. Meine Frau bat unsere örtliche Krankenschwester
nach der schicksalhaften Nacht um eine Abtreibungspille. Die machte ihr unmissverständlich klar, das komme überhaupt nicht
in Frage. Wir werden ihr - sie starb wenige Jahre später an Krebs - für ihr kategorisches "Nein" immer dankbar sein.
Als meine Frau zum vierten Mal schwanger war, hatte sie verinnerlicht, worum es der Krankenschwester ging. Jedes Kind ist
ein Segen. Je mehr Kinder man hat, um so erfüllter ist das Leben. Dabei ist meine Frau beileibe keine Mutter Erde. Sie
hasste es, dauernd einen großen Bauch vor sich herzuschieben. Die frühen Jahre unserer Ehe waren chaotisch genug. Wir
hatten wenig Geld. Wir hielten Hühner, wir hielten Enten, wir hielten Gänse, wir hielten Schweine. Wir verkauften
Kartoffeln, wir lebten vom Fisch aus dem Meer und Gemüse aus dem Garten.
Unser Haus hatte keine Heizung, nur ein offenes Feuer im Wohnzimmer. Unsere Küche war eine hinten an den alten Steinbau
angesetzte Wellblechhütte. Stürme bliesen Schnee durch jede Ritze. An einem Morgen lag der Schnee knöcheltief auf dem
Küchenboden. Wir brachten den ersten Winter hauptsächlich damit zu, unser schreiendes, mit Zweitnamen nach dem eiskalten
Planeten benanntes Baby vor dem Erfrieren zu bewahren.
Im Sommer fischte ich Lachse, da kam Geld in die Kasse. Im nächsten Winter renovierte ich unser Haus. Wir lebten in einer
Steinhütte, die nicht einmal ein Bad hatte. Zum Duschen musste man Wasser auf dem Herd aufheizen und es sich draußen im
Schneegestöber aus einem Eimer über den Kopf schütten.
Meine britische Frau war 24 Jahre alt, als wir heirateten. Sie ist Absolventin einer Kunsthochschule. Sie webte
Wandteppiche, bis sie mit dem dritten Kind hochschwanger war. Ihr lag eine Offerte für eine Stellung als Stadtkünstler
im Süden Schottlands vor. Dachte sie über den durch die Kinder verursachten "Karriereknick" nach?
"Ich habe mir die Frage so nie gestellt", sagt sie. "Man verfolgt eben ein Ziel im Leben, dann tut man etwas anderes und
verfolgt ein anderes Ziel."
Bei der Verfolgung dieses anderen Ziels plagte uns nie der Gedanke, ob die Regierung kinderfreundlich sei, oder ob es ihr
an einer Familienpolitik fehle. Gehören unsere Kinder nicht uns? Geht es etwa die Regierung etwas an, wie viele Kinder
wir haben, und wie wir mit ihnen zu Rande kommen?
Die Kinder besuchten die Dorfschule, eine famose Zwergschule. Die ersten drei Jahrgänge in einem, die Acht- bis
Zwölfjährigen in einem zweiten Klassenzimmer. Meine Frau arbeitete einen Tag in der Woche als Kunstlehrerin. Vorher musste
sie Hühner, Enten und Gänse füttern und die Kleinste bei Nachbarn unterbringen. Der Mann, mittlerweile weltreisender
Journalist, war wieder einmal unterwegs. Die Kinder warteten vor dem Haus auf den Schulbus. Ein schweren Betonsturz lehnte
an der Hauswand. Sian forderte ihrem Bruder heraus: "Wetten, dass du den nicht aufheben kannst?"
Meine Frau hörte einen Schrei. Als sie hinausrannte, lag der Bub unter dem Sturz begraben. Sie befreite ihn mit einer
übermenschlichen Kraftanstrengung. Er schien unverletzt, doch wurde zur Beobachtung ins 130 Kilometer entfernte
Krankenhaus eingewiesen. Dort erkundigte sich eine Krankenschwester bei meiner Frau, wo der Vater sei. Sie antwortet,
sie wisse es nicht. Bei der Schwester klingelten die Alarmglocken - ein Fall für’s Sozialamt?
Wir hatten keinen Fernseher. Aber es waren genug Kinder da, um ihr eigenes Theater zu inszenieren. Mal ist es ein
Weihnachtsspiel, ein anderes Mal "Rapunzel." Sian schrieb den Skript und führte Regie, Lewis war Tontechniker, alle
spielten mehrere Rollen. In einem dritten Stück, ich kann mich nicht mehr erinnern, worum es sich handelte, nahmen die
Kinder als Hintergrundgeräusch eine Klospülung auf. Als die bei der Vorführung aufrauschte, rollten sie sich auf dem Boden
und konnten vor Lachen nicht mehr weitermachen...
Kann man sich heute so eine Kindheit noch vorstellen? Die Dorfschule ist unverändert. Aber zehn Jahre New Labour, fünfzehn
Jahre Wirtschaftswachstum und zwanzig Jahre technologischer Fortschritt haben das Leben auch in den entferntesten Winkeln
des Königreichs radikal verändert. Vor allem die Immobilienkosten haben sich vervielfacht. 1980 war unser Haus 12.000 Pfund
wert, jetzt müsste man dafür über 300.000 Pfund bezahlen. Drogen haben ihren Einzug gehalten. Sian machte einige sehr
unglückliche Teenagerjahre auf der Oberschule des auf den ersten Blick idyllischen, vierzig Kilometer entfernten
Hafenstädtchens Ullapool durch. Der dort herrschende Missbrauch nicht nur "harmloser" Substanzen sprengte sie beinahe aus
dem Familienzusammenhalt.
Jetzt zieht sie mit ihrem Freund trotzdem an ihren Heimatort zurück, in ein altes Steinhaus, genau wie die Eltern vor 27
Jahren. Sie will Hühner und Schweine halten. Das Haus und zwei Hektar Land kosten 170.000 Pfund. Im Unterschied zu ihren
Eltern muss sie ein riesiges Darlehen aufnehmen. Sie hat zwei Universitätsabschlüsse, sie arbeitet als "Telependler" für
einen Londoner Verlag. Ihr Freund ist selbstständiger Landschaftsgärtner. Irgendwann will auch sie sich selbstständig
machen. Sie denkt daran, Strickwaren zu entwerfen und in Indien oder China herstellen zu lassen oder einen Kleinverlag
zu gründen.
Aber zuerst kommt die Familie. Vier Kinder will sie haben. Warum vier? "Eins ist zu alleine. Zwei streiten. Bei Dreien
steht es immer zwei gegen eins. Bei Vieren gleicht sich das aus."
Sie will ihre Kinder nach der Grundschule auf dasselbe Internat schicken, auf das sie und ihre Geschwister nach ihren
schlechten Erfahrungen in Ullapool gingen, trotz der enormen Kosten. Internate, das ist ein Klischee unserer Zeit, seien
inhumane, oder zumindest das psychische Gleichgewicht schädigende Institutionen. Ich kann mir für das heimische Leben
nichts besseres vorstellen. Die Abrieberscheinungen, die das Verhältnis von Eltern und pubertierenden Teenagern oft
zerrütten, bleiben in der Schule. Jedes Wiedersehen ist ein wundervolles Ereignis.
In der Internatsgemeinschaft blühten unsere Kinder auf. Vielleicht blühten sie gerade deshalb auf, weil sie immer
zusammenhielten. Sie behaupteten sich in der Gewissheit des geschwisterlichen Rückhalts. Nach der Schule gab es für alle
vier nur ein Ziel - London. So weit wie möglich weg vom provinziellen Schottland und von ihrer abgelegenen Heimat.
Die Begeisterung für die aufreibende Metropole hielt nicht lange vor. Lewis scheiterte in London und fing in Manchester
von vorne an. Jörg verließ London, sobald er mit dem Studium fertig war. Alle haben Heimweh, oder besser: Sie sehnen
sich nacheinander. Nur einmal kam es zwischen zwei Geschwistern zu einer ernsten Auseinandersetzung. Sie begann, wie
Streit so oft beginnt, aus unerheblichem Anlass. Sian rief weinend zuhause an. Ich war wütend. Ich telefonierte mit
dem schuldigen Bruder und machte ihn zur Schnecke, wie ich das sonst nie getan habe. Der rief seine Schwester zurück
und entschuldigte sich. Seither sind sie wieder ein Herz und eine Seele.
Die Weihnachtsaufregung beginnt Ende November. Weihnachten ist nach wie vor der Höhepunkt des Jahres. Alles muss so sein
wie immer. Das Christkind läutet ein Glöckchen, der Weihnachtsbaum ist mit roten Rosen geschmückt (eine aus Russland
stammende Familientradition), es gibt baltischen Heringssalat und Wodka. Vor lauter Glücksgefühl trinken wir zu viel.
Der erste Weihnachtsfeiertag wird britisch begangen. Am zweiten Weihnachtsfeiertag spielen wir auf einer über einen
Wildbach führenden Brücke Poohsticks, ein Lieblingsspiel von Pu dem Bär und seinen Freunden. Geschenke spielen
eine Nebenrolle. Die Hauptsache ist das Zusammensein, das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Oder, wenn man so will, die
göttliche Gnade, eine große Familie sein zu dürfen.
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